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Der Personaler und das Digitale

In seinem Posting “Sehr kritische Gedanken zu Arbeiten 4.0 anlässlich der HR-Fachmesse Zukunft Personal” beschreibt der @Persoblogger recht anschaulich und, wie er selbst sagt, mit einem gehörigen Schuß Ironie, seine Erlebnisse und Gedanken auf und zur Mese Zukunft Personal, die er besucht hat. Diese stand unter dem buzzwordlastigen Motto “Arbeit 4.0”.

Er möchte damit seine These untermauern, daß das Personalwesen, vom Begriff Human Resources möchte ich aus Respekt vor den Beteiligten Menschen nicht reden (dazu am Schluß noch ein paar Sätze), alles andere als digital und schon gar nicht 4.0 sei.

Stilecht vorbereitet hat er sich, indem er sich eine Art Curriculum in einer Excel-Liste zusammen gestellt hat und diese dann ausgedruckt hat. Das sein ja alles sehr anti-digital und doppelte Arbeit. Ja, sehe ich genau so. Der Fehler war schon, ein Excel für diese Aufgabe zu verwenden. Ich würde das mit Evernote machen (in dem ich jetzt gerade übrigens diesen Text schreibe). Und dann hätte ich ihn auf allen Geräten, die ich so mitnehme, dabei. Ohne ihn ausdrucken zu müssen. Witzig oder?

Danach drückt er sein Mißfallen darüber aus, daß viele Teilnehmer während der Vorträge twittern. Menschen seien ja nicht multitaskingfähig. Früher, ja früher, da hätte man noch ordentlich mit Stift und Papier im Publikum gesessen und aufmerksam (1. Tätigkeit) mitgeschrieben (2. Tätigkeit). Merkste was? Spannend auch die Wortwahl. Die twitternden Zuhörer werden gar nicht als Subjekte angesprochen oder beschrieben, nur ihre Tätigkeit. Die aufmerksamen Papier-und-Stift-Zuhörer von früher, das waren Journalisten! Ja, das waren noch Zeiten! Mal abgesehen davon, daß für mich die Berufsbezeichnung Journalist immer mehr zu einem Schimpfwort wird. So wie ich seit Jahren nicht mehr “Consultant” genannt werden möchte.

Jetzt mal im Ernst, Herr Scheller: auf welchen Konferenzen waren Sie denn früher? Auf so eine, wo die Aufmerksamkeit der Zuhörer (und womöglich Journalisten!) gebannt n den Lippen des Referenten hängt, würde ich nämlich auch gerne mal gehen. Ich habe auch ein gewisses Maß an Erfahrung mit Konferenzen und Schulungen, aber eine Aufmerksamkeitsquote von 100% habe ich nirgends erlebt.

Sehr zurecht fragt Herr Scheller, warum ständig neue Säue von der HR-Industrie durchs Recruiting-Dorf getrieben werden. Die Antwort ist inhärent: weil es eine Industrie ist. Und die will verkaufen. Und verkauft wird neuer heißer Scheiß, nicht das solide und gut gemachte. Auch zurecht regt er sich darüber auf, daß Personaler entdeckt haben, daß respektvoller und professioneller Umgang mit Bewerbern tatsächlich etwas bringen könne.

Sehr schön auch seine Einlassungen zu Referenten zur Arbeit 4.0, die nicht mal ihre Powerpoint-Präsentation ohne Technikerhilfe nicht wieder starten können. Richtig klasse finde ich übrigens seine Erläuterung des Abstimmungsprozesses zum “Personalwirtschaftsaward”. Da wurden Pappkärtchen(!) mit QR.Codes(!) verteilt, die man mit dem Telefon scannen mußte, um online(!) seine Stimme abzugeben. Und dann war der lokale Internetzugang überlastet(!). Langsam gehen mir die Ausrufezeichen aus …

Nach der etymologischen Rückführung des Schokoschaumdesserts auf den großmütterlichen Schokoladenpudding schließt der Autor mit einem Appell, zwar offen für neue Ideen zu sein, aber diese immer kritisch zu hinterfragen. Dem ist nichts hinzuzusetzen und ich gehe jetzt mal schauen, wo ich einen Schokoladenpudding her kriege. Schönes Wochenende!

PS: Ach so, ja, da war ja noch das Thema der Begrifflichkeit von Human Resources bzw. warum ich den Begriff für respektlos halte. Resourcen sind im Wesentlichen Waren. Manchmal dinglicher Natur, manchmal immateriell. Menschen sind keine Dinge. Und auch keine Ware. So einfach ist das.

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  1. Hurra, endlich mal eine ebenfalls ironisch angespitzte kritische Rückmeldung. I like!

    In der Tat, das mit dem Ausdruck stimmt. Irgendwie wollte ich das Teil in der Jackettasche haben, ohne ständig das eh schon ständig mobil nachzuladende iPhone zu belasten. Und wenn ich ehrlich bin, war mir Excel ganz recht, weil ich neben den Zeiten und Titeln auch noch die zu treffenden Personen mit weiteren Anmerkungen und sonstige zusätzliche Vermerke in andere Spalten geschrieben hatte. Vielleicht schaue ich mir das ja auf meinem Phone vorhandene Evernote tatsächlich diesbezüglich mal näher an.

    Aber auch hier bleibt meine Argumentation schlüssig, denn wenn ich an das berufliche HR-Umfeld denke, bin ich noch mit Abstand der Digitalste und lasse mir so gut wie kein Papier in die Hand drücken ohne zu antworten, ich hätte das gerne digital.

    Was das Thema „Multitasking“ angeht, so gebe ich zu: An Deiner (ich wechsele einfach mal ins beidseitig verwendbare Blogger-„Du“) Argumentation ist was dran. ;)

    Vielleicht lag das auch daran, dass ich erst im Digitalzeitalter so intensiv in die Kommunikatorenrolle geschlüpft bin.

    Die twitternden Zuhörer, die ich sogar alle persönlich kenne, wollte ich bewusst nicht ansprechen, weil ich ja nicht sie als Personen kritisiere, sondern nur einen kritischen Impuls setzen wollte, zu überlegen, was wir (ich bin ja selbst auch mit auf dem Foto) dort tun. Und in der Tat: MICH hat es abgelenkt.

    Sehr gefällt es mir auch, wie Du meine Wortwahl genau analysierst. Denn wahrscheinlich bin auch ich noch weit weniger digital und 4.0 als Du. Und gerade weil ich als Personaler oft schon als „digital far out“ betrachtet werde, stimmt die Botschaft am Ende doch.

    Dass es sich um einen riesigen Markt handelt, auf dem verkauft werden muss – logo! Und darum ist es auch ab und an wichtig, dass man sich das wieder ins Gedächtnis ruft. Deswegen teste ich auch fleißig HR-Plattformen und berichte auf meinem Blog darüber.

    Deinen Blog hab ich mir mal gemerkt (Pocket) – sieht vielversprechend aus – nicht nur, weil Du Deine Fußnägel auf der „Über mich“-Seite im Logo-grün meines Arbeitgebers angepinselt hast.

    Ich hoffe, wir bleiben im Kontakt – werde auf XING und LinkedIn mal gleich suchen gehen.

    Schönes Wochenende,
    Persoblogger Stefan

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  2. Hallo Stefan, natürlich können wir uns gern duzen. Und vielen Dank für die ausführliche Antwort.
    Zu den Ausdrucken: ich gebe zu, daß ich Eintritts- und Fahrkarten auch audrucke, weil ich argwöhne, daß gerade dann, wenn ich drauf schauen möchte mein Akku alle ist (sic!).
    Evernote it sehr praktisch und beherrscht auch Tabellen in Notizen sowie die Terminierung von Notizen als Erinnerung.
    Daß man Zuhörer nicht direkt angreifen möchte (und sollte!) verstehe ich. Ich fand das nur seltsam, daß die gesamte Passage nur die Tätigkeiten Derjenigen enthielt, aber soweit ich mich erinnere, nicht mal den Ausdruck “Zuhörer”. Kann aber auch sein, daß meine selektive Wahrnehmung bzw. Empfindlichkeit da zuschlägt.
    Viel schlimmer als twitternde Zuhörer sind für Referenten übrigens die “nenene, das geht ja alles ganz anders!”-Teilnehmer. Sitzen sehr gern in der ersten Reihe, weil man da am besten mitreden kann ;)
    Und was die HR-Industrie angeht, sind wir uns ja richtig einig. Eine andere spannende Ecke dieses Marktes ist übrigens die der Freelancer. Da könnte ich Sachen erzählen … ;)
    Vielen Dank für das Lob zum Blog. Leider schreibe ich sehr wenig. Das sollte ich mal ändern. Und die grünen Füße sind ausnahmsweise nicht meine eigenen. Trotzdem kenne ich bei deinem Arbeitgeber auch den einen oder anderen Kollegen aus der IT ;)
    Und über den Kontakt würde ich mich freuen. Nein Quatsch, ich würde nicht, ich tue es.
    Viele Grüße, Volker

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  3. Also während Konferenzen ist Twitter mein Notizzettel. Davon haben dann a) alle was und nicht nur ich und b) kann ich mir die Notizen anschließend als Storify oder Chirpstory zusammenklöppeln und habe sogar noch nach Jahren Zugriff auf die wichtigsten Highlights eines Vortrags oder einer Konferenz. Warum Papier und Bleistift (fliegt zu Hause in die Ecke oder mit Glück als Scan auf die Festplatte) nun Twitter überlegen sein sollte, erschließt sich mir nicht. Mit sowas hier – http://mela.geekgirls.de/2014/07/14/fachtag-autismus-und-arbeit/ – kann ich wirklich arbeiten.

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    • Talks per Twitter in Stichworten zu protokollieren ist ja eine geniale Idee. Ich twittere meist auch parallel, aber meist nur das, was ich für die Kernthesen halte. Das etwas ausführlicher zu tun, ist nicht viel mehr Aufwand und bringt tatsächlich Lesern und einem selbst mehr.

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