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Technik vs. Sozialkompetenz

Es gehrt eigentlich nicht zu meinen Angewohnheiten, echte Situationen aus meinem Job zu publizieren. Besonders nicht, wenn sie auch andere Kollegen betreffen. Damit breche ich jetzt zum ersten Mal.
Heute morgen kam ich in mein Büro und fand meinen Zweitlaptop (ein Gerät unter Windows 7) mit gesperrtem Bildschirm vor. Nichts besonderes, also einloggen und feststellen, daß jemand den Bildschirmhintergrund geändert und mich brüllt sozusagen ein Söldnertyp an, ob denn niemand mehr seinen Rechner sperren würde.
Kurze Nachfrage ergab, daß das jemand aus dem Team gemacht hatte, dessen Projektleiter ich bin. Ich sagte ihm dann, daß ich ihm nächstes Mal die Ohrläppchen an den Tisch nagele, wenn er noch mal meinen Rechner anfassen sollte. Er antwortete, daß es sich um ein Sicherheitsrisiko handele, den Rechner unbeaufsichtigt ungesperrt zu lassen und es wahrscheinlich sogar eine IT Policy dagegen gäbe. Meine Entgegnung, daß er den Bildschirm auch einfach hätte sperren können führte zur Antwort, er habe mir da aber jetzt mehr Humor zugetraut.
Meine Leser werden sich nun wahrscheinlich in 2 Lager spalten. Die einen werden sagen, daß der Kollege doch Recht hatte und die Zurechtweisung doch mit einer Portion Humor verbunden hätte. Ob es auch jemanden gibt, der meinen Standpunkt versteht, weiß ich nicht. Deshalb versuche ich das hier kurz zu erklären.
Ich habe ein extremes Problem damit, wenn jemand meinen Rechner benutzt. Das irritiert häufiger schon mal Kollegen, die mir “kurz was zeigen” wollen. Es dringt in meine Privatsphäre ein. Ich habe das nie verstanden, bis ich auf Mashall McLuhans “Understanding Media: The Extensions of Man” gestoßen bin. Ich verleibe mir so ein blödes elektronisches Endgerät anscheinend soweit ein, daß es in meiner Anschauung zu mir selbst gehört.
Daher empfinde ich sein Vorgehen als einen Mangel an Respekt. Im Nachgang bei der Diskussion verbunden mit einem kompletten Fehlen an Sozialkompetenz. Ich habe versucht, ihm zu erklären, daß er in meine “Komfortzone” eingedrungen ist, eine Grenzüberschreitung begangen hat, die ich nicht tolerieren kann. Er hat mich schlicht nicht verstanden und mit der Faktenlage der Sicherheitsbedrohung argumentiert. In dieser Hinsicht hat er Recht, aber das war nicht mein Thema. Mir ging es um den Umgang miteinander, das Sozialverhalten. In seinem Werteuniversum ist diese Dimension aber nicht existent. Nichts geht über die Einhaltung der faktischen Regeln. Zu deren Umsetzung heiligt der Zweck die Mittel.
Da prallen zwei Anschauungen aufeinander. Auf seiner Seite die Auffassung, daß es auf die Fakten ankommt. Umgangsformen haben da wenig Platz, sie sind ihm egal. Wem sie wichtiger zu sein scheinen (!) als die Technik und Sicherheit, der zeigt in seinen Augen mangelnde Professionalität. Auf meiner Seite die Überzeugung, daß man, wenn man von Menschen etwas möchte, sie mit einem gewissen Basisrespekt behandeln muß. Wenn nicht, tropft man ab und schadet sich selbst und der Sache die man eigentlich vertritt. Das Gegenüber verliert jeglichen Respekt. So hier geschehen. Schade, das Terrain wird er auch mit Sachkompetenz nicht wieder gut machen können.
Wie seht ihr das? Rede ich Unsinn? Mache ich aus einer Mücke einen Elefanten? Oder versteht jemand mein Problem?

Update: das im Kommentar angekündigte Follow-Up findet ihr hier.

13 Comments

  1. Ich hatte mal einen Teilzeitmitarbeiter, der sortierte hier im Büro immer als erstes den Desktop “seines” PCs um – so daß ich mich bei nächster Gelegenheit auf dem Gerät nicht mehr zu Hause fühlte. Das hat mich wild gemacht. Da waren zwar keinerlei Sicherheitsaspekte im Spiel, aber als ausgesprochen übergriffig empfand ich das auch. Ich war in der bequemen Lage, Derartiges für die Zukunft einfach verbieten zu können…

    Und außerdem: der Kollege will Dich “erziehen”?

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    • Hallo Uschi, ja, ich denke, er glaubt sich in der Lage das zu tun. Bei Kollegen, seinem Chef, dem Kunden …
      Bisher habe ich das oft als Techiefolklore abgetan. Das war wohl ein Fehler.

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  2. Hm. Was mich extrem wundert ist: wenn das zu Deiner Comfortzone gehört, warum schützt Du es dann nicht gegen fremde Zugriffe? Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres, als Kunden, die Dir im Gespräch auf gefühlt 40cm nahe kommen. Insofern kann ich Dich durchaus verstehen.
    Es ist quasi mein rein soziologisches Interesse, warum Du nicht selber daran denkst, Deine Comfortzone abzusichern. Weil Du davon ausgehst, dass “man das nicht tut: fremde Rechner anzufingern”?
    Oder anders gefragt: Du hast ein 6 qm großes Schaufenster und davor liegt ein loser Pflasterstein – nimmst Du ihn weg? ;-)

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    • Der Bildschirm des Rechners war schwarz, man muß also schon dran fingern, um zu merken, daß das was “nicht stimmt”. Dazu kommt, daß ich meine körperliche Komfortzone ja auch nicht mit Stacheldraht bewehre. Und auch keine Leute weg schubse.
      In der Tat hab ich aber schon Leute in der Supermarktschlange hinter mir angeranzt, sie mögen bitte etwas mehr Abstand halten. Auch da war ich anscheinend unhöflich, weil ich davon ausgegangen bin, daß es selbstverständlich ist.
      Zu dem Pflasterstein: ich weiß es nicht, ob ich ihn aufheben würde. Wirklich nicht.

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      • Ich fass es nicht, und mich darum möglichst kurz. Ich wollt erst gar nichts schreiben, aber da mir schon auf den Kopf zugesagt wurde daß ich der Adressat der nonmention sei…

        a) Tut mir leid, daß der beabsichtigte Effekt des “Oh, hihi, hab ich wohl vergessen meinen Bildschirm zu sperren” nach hinten losging. Sorry daß ich dir in den personal space bin, der Laptop hatte bei mir nicht die Einordnung als dein persönliches Gerät wie zB dein Mac. Bitte entschuldige.

        b) Der fragliche Firmenlaptop steht zum Flur hin perfekt sichtbar, jeder Putzhilfe zugänglich und hängt meines Wissens im internen Netz. Genau weiß ich es nicht, da ich den Rechner weder inspiziert noch benutzt noch sonstwas gemacht habe außer das Imagemakro runterzuladen und als Hintergrund zu setzen. Frag den Kollegen der auch noch da war, wie oft wir dran vorbei gelaufen sind und der Bildschirm weder schwarz, noch gesperrt, sondern offensichtlich offen war.

        c) Der “Söldnertyp” ist John Goodman. http://imgur.com/L0oRN7Uhttp://www.imdb.com/title/tt0118715/

        d) Wenn Du ein Problem mit mir hast, dann sprich mit mir und nicht mit der Welt. “Ich möchte aber nicht, daß darüber gelästert wird, egal ob unter Nennung des Namens oder ohne und ich möchte nicht, daß Kollegen persönlich vorgeführt werden.” Aus deinem höchstpersönlichen Wort zum Montag.

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  3. Sehe das so wie du: Fremde Rechner sind Tabu. Korrekt wäre gewesen, dich nach Rückkehr darauf hinzuweisen. Wenn jemand bei mir dann auch noch im Netz rumgewühlt hat, um irgend ein Bild zu suchen, wäre ich auch ziemlich angefressen.

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  4. Pingback: Von Steinen und Menschen… | sabinenowak.com

  5. Ich sehr das exakt wie Du.

    Mein Computer ist was die Arbeit angeht, mein verlängertes Hirn bzw. Hand und ich möchte dort keinerlei Eingriffe. Bekomme ja schon die Krise, wenn andere Leute zwecks Demo oä das Dingen in meiner Anwesenheit benutzen.

    Außerdem, wer geht denn rum und fingert die Geräte an, wenn der Bildschirm aus ist? Wäre er an gewesen, einfach sperren, Hinweis und gut.

    Hinzu kommt, und ich würde vermuten, es ist bei Dir ähnlich, ärgerst Du Dich eh über Deinen Fehler und ein Hinweis ohne Eingriff hätte weit mehr gebracht.

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    • Hallo Michael, da der Rechner im 1. Stock eines zugangsgesicherten Gebäudes ohne Publikumsverkehr steht, war mein Sicherheitsbedürfnis in der Tat relativ gering. Darüber wollte ich mit ihm aber gar nicht streiten, weil ich tatsächlich finde, daß er Recht hatte und hat. Mir gings um die Kommunikation. Zudem muß ich meine Behauptung korrigieren: der Bildschirm war wohl tatsächlich an. Da hatte der Bildschirmschoner wohl eine extrem lange Wartezeit.

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  6. Ich kann deine Reaktion sehr gut verstehen. Der Rechner gehört quasi zum “eigenen Revier” und das Verhalten des Kollegen empfinde ich als übergriffig und respektlos. Den Anspruch, seine Mitmenschen erziehen zu wollen (in diesem Fall zu mehr IT-Sicherheit), finde ich überheblich.

    Darüber hinaus glaube ich auch nicht, dass man sein “Revier” abriegeln muss, oder besser gesagt, dass alles, was nicht abgeschlossen ist, als “allgemein zugänglich” betrachtet werden darf. Unter zivilisierten Menschen darf man in der Tat auch Respekt für seinen Bereich verlangen, ohne überall Vorhängeschlösser anzubringen. Es gibt auch unsichtbare Grenzen.

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  7. Vielen Dank für das Feedback. Ich habe noch mal nachgedacht. Was ich vielleicht auch vor dem Posting (noch) mehr hätte tun sollen. Ich habe jetzt auch ein Feedback von meinem Kollegen. Muß da mal drüber nachdenken und werde wohl noch ein Folgeposting schreiben. Manchmal muß auch Selbstkritik sein.

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  8. Pingback: Kritik und Selbstkritik – ein Nachtrag | Technologyscout

  9. Bei uns in der Firma gibt es eine solche Arbeitsplatzrichtlinie nach der es Pflicht ist den Computer zu sperren, wenn ich “kurz” weg gehe. Ich verstehe sehr wohl, dass es dir darum nicht geht, sondern um das Eindringen in deine Privatsphäre. Nichts ist schlimmer, wie wenn das passiert und man (ich vermute, nicht nur ich) sollte lernen, sehr viel schneller darauf hinzuweisen, wenn gerade jemand diese missachtet. Ich bin sehr schlecht darin und merke oft erst Stunden später, dass das, was mir so unangenehm war, ein Eindringen in meine Komfortzone war.

    Das wirst du ja nun mit deinen Kollegen klären.
    Erzogen werden, wenn man erwachsen ist, ist ziemlich albern. Trotzdem machen Firmen das aus unterschiedlichen Gründen. Man traut mir nicht zu mich und meinen Körper zu kennen und so werden mir Arbeitszeitreglungen, Pausenreglungen und Urlaubsregelungen untergeschoben, die ich als extrem einschränkend empfinde. Oder auch die Aktion von VW, wo der Blackberry Server um 18 Uhr runtergefahren wird. Wenn ich nicht in der Lage bin mich zu schützen bei so Kleinigkeiten, habe ich doch ein ganz anderes Problem. Nun denn …

    Aber dann gibt es den Versuch der Erziehungsmaßnahmen z.B. im Sicherheitsbereich, den Firmen natürlich etwas enger sehen, weil es hier um Diebstahl geht. Es gibt eine Firma (und wenn ich mich wieder erinnere wer es war, dann schick ich den Link), die ausgerufen hat, dass man, wenn Kollegen ihre Computer nicht sperren, so viel an Daten wie möglich klaut und in die firmeninterne Social Media Plattform online stellt. Man bekommt dann Punkte und es ist eine Art Gamification um die Mitarbeiter in diesem Punkt schmerzhaft zu erziehen.

    Du redest keinen Unsinn und es ist keine Mücke, sondern für dich eben ein großer Elefant, was da passiert ist. Du merkst ja auch richtig an, dass ihr gänzlich unterschiedliche Wertigkeiten habt und deswegen bei dem Thema wohl auch nicht zusammenfinden werdet.

    In diesem Fall kann ich dir nur raten deine Elefanten besser zu schützen, denn der Kollege hat rechtens und nach seiner Meinung eben auch spaßig reagiert.

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